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10.07.2014

"Wir Ägypter sind froh und hoffnungsvoll"

Der koptisch-katholische Bischof Kyrillos Samaan im Interview.

Der Sonntag: Wie geht es den Christen in Ägypten?

Bischof Kyrillos Samaan: Für alle Ägypter gilt im Moment: wir haben viel mehr Hoffnung als in den vergangenen Jahren. In den vergangen Jahren unter der Herrschaft der Muslimbruderschaft, waren alle, außer der Bruderschaft, frustriert und sahen keine Zukunft für Ägypten – und das auf allen Ebenen: was die Sicherheit betrifft, die Wirtschaft, unsere persönliche Freiheit. Aber nun ist das anders. Wir haben eine neue Verfassung, einen neuen Präsidenten – da sind die Ägypter wieder froh und hoffnungsvoll. Wir haben wieder viel mehr Vertrauen in Gott – die Christen genauso wie die Muslime.

Wieviele Christen leben in der Provinz Assiut, für die sie als Bischof verantwortlich sind?

In der Provinz Assiut leben 4 Millionen Menschen, eine Million davon allein in der Hauptstadt Assiut – der drittgrößten Stadt in Ägypten mit zwei großen Universitäten, einer staatlichen mit 100.000 Studierenden und einer islamischen Universität mit 40.000 Studierenden. 30% der Bevölkerung in Assiut sind Christen – die meisten koptisch-orthodox, ein sehr kleiner Teil ist evangelisch und ein Teil eben auch katholisch. Katholiken gibt es etwa 250.000 in ganz Ägypten, wir sind also auch nur eine kleine Gruppe, aber sehr spürbar und sehr anerkannt.

Wofür werden die koptischen Katholiken anerkannt?

Für unser großes soziales Engagements, das mit Unterstützung verschiedenster Hilfswerke wir „Kirche in Not“, „missio“ oder der „Dreikönigsaktion“ entsteht. Die Schulen zum Beispiel, es gibt 170 katholische Schulen in Ägypten und fast 90% der Schülerinnen und Schüler sind nicht Christen. Aber auch die katholischen Krankenhäuser und Krankenstationen werden geschätzt. Wir verändern mit unserem Engagement die Atmosphäre zwischen Muslimen und Christen, bauen Brücken zueinander.

Gibt es Probleme zwischen Christen und Muslimen?

Die Ägypter kann niemand trennen, wir halten zusammen. Extremisten wird es immer und überall geben, aber das ist nur eine kleine Gruppe. Bei uns gab es Menschen, die uns Christen gesagt haben, wir sollten weggehen, denn sie wollten einen islamischen Staat gründen. Aber wir haben uns geweigert. Wir gehen hier nicht weg, haben wir gesagt, wir gehören hierher, das ist unsere Heimat und: wir haben eine Mission, wir sind das Salz der Erde, wir sind das Licht der Welt. Wir haben den Extremisten gesagt: ,Wir müssen da bleiben – ihr könnt nicht ohne uns und wir können nicht ohne euch.‘ Schon Benedikt XVI hat geschrieben, ein Naher Osten ohne oder mit wenig Christen ist kein Naher Osten mehr. Die Christen waren immer da, schon vor dem Islam und haben zusammen mit den Muslimen dieses Land aufgebaut und so wird es auch weiterhin sein.“

Warum denken Sie, dass es in Zukunft besser wird. Was hat sich verändert?

Seit Jänner haben wir eine neue Verfassung und wir haben einen neuen Präsidenten, der sich auch schon öffentlich positiv über die Christen und ihre Leistungen in Ägypten geäußert hat. Unsere neue Verfassung achtet zudem sehr genau auf die Rechte der einzelnen Gruppen. Wenn das alles in Gesetze ,übersetzt‘ wird, ist ein großer Schritt getan.


Hass begann bei uns schon in manchen Kindergärten oder Schulen – da wurde den Kindern gesagt, dass sie nicht mit Christen reden dürfen. Die Freitagspredigten endeten oft mit Vorwürfen gegen Christen. Auch in den Medien wurde gehetzt.


Vor kurzem aber wurde zum ersten Mal einem Salafisten das Predigen verboten. Das ist eine Entwicklung, die Hoffnung gibt. Über diese extremen Prediger kommt viel schwieriges Gedankengut in Umlauf – in Ägypten gibt es noch viele Analphabeten. Auch die Schulen geben sich große Mühe. Jetzt hoffen wir noch darauf, dass Christen auch positiv besetzten Platz in den Medien bekommen.

Sie selbst sind seit 1974 Priester, seit 1990 Bischof in Ägypten. Haben Sie jemals überlegt, sich anderswo nieder zu lassen?

Sehen sie, ich denke, das Leben hier in Europa ist einfacher, es gibt ein bisschen Luxus, aber ich suche keinen Luxus, sondern das was die Kirche braucht, was der Kirche gut tut. Ich bin überall zuhause, wo ich gebracht werde und in Ägypten werde ich gebraucht.