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22.06.2014

Fürchtet euch nicht!

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium am Sonntag, 22. Juni 2014 (Mt 10,26-33)

Gleich dreimal sagt Jesus heute: "Fürchtet euch nicht!" Wenn er das so sehr betont, heißt das nicht, dass viel Furcht vorhanden ist? Vieles im Leben erregt Angst, vor vielem fürchten wir uns, nicht nur damals, zur Zeit Jesu, sondern auch heute. Einiges bringt Jesus zur Sprache. Es lohnt sich, einmal persönlich darüber nachzudenken: Was macht mir Angst im Leben? Wovor fürchte ich mich?

 

Menschenfurcht ist das Erste, was Jesus nennt. Unmittelbar davor hat Jesus von den Leuten gesprochen, die schlecht über ihn reden. Es tut einfach weh, wenn wir feststellen, dass uns üble Nachrede angehängt wird. Man ist so wehrlos gegen böse Worte, die über uns ausgestreut werden. Wie können wir diese Angst bekämpfen? Meist gelingt es ja nicht, Gerüchte, die über uns in die Welt gesetzt werden, wieder richtig zu stellen. Es bleibt immer etwas hängen. Jesus gibt einen Trost: "Nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird." Mit anderen Worten: Die Wahrheit kommt ans Licht, früher oder später. Man hat dich übel verleumdet. Fürchte dich nicht! Einmal wird es offenkundig werden, dass Lügen über dich verbreitet wurden! Freilich stimmt das nicht immer. Manche müssen bis zum Lebensende ertragen, dass ihr guter Ruf zerstört worden ist. Dann bleibt aber immer noch der Trost Jesu gültig: Vor Gott wird die Wahrheit offenbar werden. Er wird deinen Ruf wieder herstellen. Er lässt keine Lügen gelten.

 

"Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird." Jesus meint das wohl als Trost. Aber ich höre darin auch etwas, vor dem ich mich fürchte. Wer von uns will, dass alles enthüllt wird? Heute ist "Enthüllungsjournalismus" Mode. Gilt auch hier Jesu "Fürchtet euch nicht"? Sicher, wenn ich keine Enthüllung zu fürchten brauche! Immer mehr Menschen machen sich Sorgen, ob Dinge, die sie einmal so locker auf Facebook geäußert haben, ihnen schaden könnten. Immer weniger ist die persönliche Sphäre geschützt. Wie heute mit der Furcht umgehen, dass alles veröffentlicht werden kann?

 

Ich glaube, eine starke Antwort auf diese Angst gibt Jesus mit dem nächsten Wort: "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können." Jesus will uns auf die wirklichen Gefahren hinweisen. Was die Seele beschädigt, ist viel gefährlicher, als was den Leib bedroht. Meist sehen wir es umgekehrt: Hauptsache gesund sein! Was nützt die körperliche Gesundheit, wenn die Seele dabei verkommt? Es lohnt sich, die Frage persönlich zu überdenken: Habe ich mehr Angst vor Krankheit als vor Schaden an meiner Seele? Fürchte ich es mehr, zu lügen, zu hassen, übel über andere zu reden, kurz: alles, was meine Seele vergiftet? Oder ist es mir wichtiger, körperlich fit zu sein, egal wie schlimm und schmutzig, es in meiner Seele aussieht?

 

Wie lernen wir es, die Menschenfurcht abzulegen? Wie kommen wir dahin, mehr auf unsere Seelengesundheit zu achten, als uns um unseren Leib zu ängstigen? Auch hier gibt Jesus einen wunderbar praktischen Hinweis: Gott sorgt doch für alles. Selbst für die Spatzen. Ja, sogar für die Haare auf deinem Haupt. Also sei doch nicht so ängstlich um dich selbst besorgt! Vertraue auf Gottes gute Fürsorge. Fürchtet euch also nicht!

 

Wie aber lernen wir dieses große Gottvertrauen? Dazu wieder ein Rat Jesu: Traue dich, öffentlich zu Gott zu stehen! Dann wirst du die Menschenfurcht überwinden! Wenn du aus Angst vor dem, was die anderen sagen, dich nicht zu deinem Glauben bekennst, dann hast du wirklich Grund zu fürchten, dass Gott einmal zu dir sagt: Ich kenne dich nicht!