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20.01.2014

Bischöfe bisher zu zaghaft in Rom aufgetreten

Wiener Erzbischof im Gespräch mit Publizisten Peter Huemer.

Weitgehende Einigkeit dominierte das Gespräch zwischen Kardinal Christoph Schönborn und dem Publizisten Peter Huemer am Sonntag, 19. Jänner 2014, im Wiener Stadttheater Walfischgasse. So viel Einigkeit, dass beide schmunzelnd von einer "säkularen Sonntags-Liturgie" sprachen. Dabei ließ der Wiener Erzbischof im Blick auf die Kirchenreformdebatte durchaus aufhorchen: etwa mit dem Eingeständnis, angesichts des päpstlichen Anliegens einer "Dezentralisierung" der Kirche und einer Stärkung der ortskirchlichen Eigenverantwortung bislang zu zaghaft in Rom aufgetreten zu sein: "Da schlage ich an meine Bischofsbrust: Wir haben uns sicher zu wenig getraut, auch zu sagen, was unsere Situation erfordert und wie wir die Dinge sehen".

 

Vatikanbank IOR

"Tachles" sprach Schönborn in der Folge auch zu anderen Themen. So etwa zu seiner Berufung in die Kardinalskommission zur Aufsicht über die Vatikanbank IOR in der vergangenen Woche. Er habe sich gleichermaßen "gewundert und gefreut über dieses Vertrauen", welches der Papst in ihn setze, so Schönborn. Zugleich bemühte sich Schönborn, im Blick auf die Vatikanbank "einige Mythen richtig zu stellen" - etwa die Tatsache, dass das IOR dem Bilanzvolumen nach kein "big player", sondern eher eine "Pimperl-Bank" sei, die - wie es die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" auf den Punkt gebracht habe - vom Bilanzvolumen her jenem einer durchschnittlichen Bezirkssparkasse entspreche. Benedikt XVI. habe "entscheidende Schritte zur Reform" der Bank unternommen, diese Arbeit laufe heute "seriös und erfolgreich" weiter.

 

Kirche und Geld

Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Geld verfolgte der Publizist Huemer dann weiter im Blick auf die päpstliche Rede von einer "armen Kirche für die Armen" und der Diagnose eines lebensfeindlichen kapitalistischen Wirtschaftssystems. Mit dieser Einschätzung einer "Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen", die "tötet", statt dem Menschen zu dienen, habe Franziskus "völlig recht", so Schönborn. Das sei "keine billige Rethorik", sondern entspreche der Situation in vielen Ländern.

 

Dazu brauche man auch nicht notwendigerweise nach Lateinamerika blicken - es genüge schon ein Blick auf die Situation in Österreich: So sei es etwa "ein unbeschreiblicher Skandal", wie Geld für Bankenrettungen ausgegeben werde, während andernorts Gelder etwa für die Bildungsreform fehlten. Auch die angekündigten Kürzungen der Entwicklungshilfe seien für ein reiches Land wie Österreich "einfach ein Skandal".

 

Ziviler Widerstand auch in der Kirche

Zu kirchlichen "Skandalen" leitete Huemer u.a. mit der Frage nach dem Stand des Gesprächs mit der "Pfarrer-Initiative" um Helmut Schüller über. Dazu unterstrich Kardinal Schönborn, dass die Gesprächsbasis zwischen Schüller und ihm nie zerbrochen sei. Tatsächlich gebe es einen weiterhin aufrechten Dissens über den Begriff des "Ungehorsams", zugleich lud Schönborn jedoch zu einer nüchterneren Betrachtung der Situation ein: "Es gibt so etwas wie einen zivilen Widerstand auch in der Kirche. Den erlebe ich auch bei der Frage der Zusammenlegung von Pfarren. Das gehört dazu, das ist legitim. Wichtig ist nur, dass wir gemeinsam Glaubwürdigkeit nach außen beweisen und in einem brüderlichen Gespräch bleiben."

 

Einseitige Berichterstattung

Einen Skandal "unvergleichlich schlimmeren Ausmaßes" berührte das Gespräch schließlich bei der Frage nach dem Umgang der Kirche mit sexuellem Missbrauch in den eigenen Reihen. Auch wenn die Berichterstattung teilweise "extrem einseitig" gewesen sei, so bleibe dieses "Zerrbild doch immer noch ein Bild", das in Teilen der Wahrheit entspreche. Er wisse aus eigener Erfahrung in der Begleitung von Missbrauchsopfern, wie tief die Verletzungen durch Missbrauch reichen - "vor allem, wenn diese mit religiösen Komponenten verbunden sind". Die jüngste Nachricht, dass allein in den Jahren 2011 und 2012 rund 400 katholische Priester wegen sexuellen Missbrauchs vom Vatikan laisiert worden sind, sei angesichts des Skandals "absolut gerechtfertigt und notwendig", so Schönborn.

 

Nüchtern auf Lebensrealität blicken

"Tachles" reden und das anfänglich eingeräumte Versäumnis nachholen, können die österreichischen Bischöfe ab kommender Woche, wenn sie zu ihrem "Ad limina"-Besuch in den Vatikan reisen. Im Gepäck haben werden sie dabei u.a. eine Auswertung des vatikanischen Fragebogens zur Lebenswirklichkeit der Menschen in Österreich im Blick auf Ehe und Familie. Auch im Blick auf die Frage nach der Lebensrealität mahnte Schönborn von der eigenen Kirche eine größere "Nüchternheit" ein:

 

"Wir gehen weitgehend auch in der Kirche unhistorisch an das Thema heran. Das Familienbild, wie es sich in der Nachkriegszeit herausgebildet hat, ist historisch betrachtet ein Sonderfall. Menschen lebten immer schon irgendwie zusammen. Wir leben heute auch innerkirchlich stillschweigend selbstverständlich damit, dass der Großteil junger Leute, auch wenn sie kirchlich gebunden sind, ganz selbstverständlich zusammenleben. Es hat sich einfach der Lebensraum so sehr geändert."

 

Daraus folge keineswegs das Plädoyer für eine Abwandlung der kirchlichen Lehre, es zeige nur, wie schwer es bleibe, das Idealbild von Ehe und Familie mit jenem der Realität in Einklang zu bringen. Entscheidend sei dabei jedoch nicht die Verurteilung der Lebensrealität der meisten Menschen, sondern die Frage: "Wie gehen wir mit dem Scheitern um?"