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16.01.2014

Wirtschafts- und Sozialexperten diskutierten über "Evangelii Gaudium"

"Prophetische Wucht" oder "Kulturpessimismus"?

Der klare und energische Ton im Papstdokument "Evangelii Gaudium" sorgt weiter für Diskussionen: Was für die Wiener Sozialethikerin Ingeborg Gabriel durchaus "in der Tradition der Sozialkritik" der Päpste seit Leo XIII. ("Rerum Novarum", 1891) steht, erscheint dem Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, eher als "Kulturpessimismus". Zwischen diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen bewegte sich eine Podiumsdiskussion am Dienstagabend an der Wiener Universität. Auch der Generalsekretär der Fraktion Christlicher Gewerkschafter (FCG), Andreas Gjecaj, der steirische Caritasdirektor Franz Küberl sowie der Mitherausgeber der "Furche" und Ex-Banker, Wilfried Stadler, nahmen zu den "wirtschaftsethischen Visionen von Papst Franziskus" Stellung.

 

Einigkeit herrschte darüber, dass die päpstliche Kritik an Auswüchsen eines ungezügelten Kapitalismus nicht auf die in Österreich seit Jahrzehnten etablierte soziale Marktwirtschaft abziele. Weil eine derartig entwickelte Wirtschafts-und Sozialordnung im weltweiten Vergleich aber eher die Ausnahme als die Norm sei, habe die drastische Sprache des Papstes ihre Berechtigung, so die mehrheitliche Meinung der Experten. Die Politik müsse einen Ordnungsrahmen für die Marktwirtschaft vorgeben.

 

Aus "südlicher" Perspektive

Franz Küberl nannte "Evangelii Gaudium" ein "beeindruckendes Schreiben eines großen Mannes". Es sei dem Papstschreiben anzumerken, dass es von einer südlichen Perspektive aus verfasst wurde. Aus diesem Grund könne er auch die scharfen Formulierungen durchaus nachvollziehen, denn es sei ein Faktum, dass die katholische Kirche des Südens eine arme Kirche ist. Besonders die Westeuropäer müssten endlich akzeptieren, dass sich Franziskus als Papst der ganzen Welt und nicht nur als einer der OECD-Staaten sehe. In der südamerikanischen Heimat des Papstes seien Evangelisation und soziales Engagement untrennbar miteinander verbunden, deswegen könne er die Wortwahl des "Papstes der Armen" durchaus nachvollziehen. "Wir müssen unser Schneckenhaus sprengen", empfahl Küberl mit Blick auf die hiesigen Verantwortungsträger. Es gelte jeden Millimeter an Spielraum zu nützen, den Österreich etwa in der Weltbank oder bei der UNO habe, um weltweit Armut und soziale Ungerechtigkeit zu bekämpfen.

 

Welt aus der Sicht der Armen betrachten

Für Gabriel ist "Evangelii Gaudium" ein Schreiben von "prophetischer Wucht". Franziskus gehe es in erster Linie darum aufzurütteln. Daher seien der Wortlaut und die teilweise drastischen Formulierungen für eine päpstliche Lehrschrift zwar ungewöhnlich, vom Verfasser aber mit Sicherheit beabsichtigt. Die große Stärke des Schreibens sei es, ökonomische Ungerechtigkeiten mit spirituellen Fragen zu verbinden, so die Sozialethikerin. Neu und entscheidend sei die vom Papst geforderte "Blickumkehr": Für die Kirche gelte es genauso wie für Wirtschaft und Politik, die Welt aus der Sicht der Armen zu betrachten und von daher zu handeln.

 

"Nicht direkt angesprochen" sieht sich IV-Generalsekretär Neumayer von der päpstlichen "Kritik an der Tyrannei des Marktes", weil diese zum Teil "zu dick aufgetragen" sei. Zudem seien einige der Aussagen ökonomisch gesehen schlicht falsch. Er werte das Schreiben allerdings nicht als Beitrag zum wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs, sondern vielmehr als Aufforderung an die Gläubigen, sich wieder mehr auf die wirklich wichtigen Werte im Leben zu besinnen, anstatt die Gewinnmaximierung als oberstes Credo anzusehen, sagte Neumayer. Zudem sei zu bedenken, dass es gerade einer funktionierenden Wirtschaft gelinge, Menschen - auch Arme - in die Gesellschaft zu integrieren, was sich mit einem Kernanliegen des Papstes treffe. Von daher sei ein Unternehmer "der wichtigste Sozialarbeiter, weil er Arbeit gibt".

 

Kritik an Finanzspekulation berechtigt

Auch für Wilfried Stadler sind einige Formulierungen im Schreiben zu hart gewählt. Besonders den Ausspruch "Wirtschaft tötet" könne er so nicht akzeptieren. Im Dialog zwischen Wirtschaft und Kirche sei dieses Schreiben nur bedingt förderlich, hier sei man in der Vergangenheit schon weiter gewesen. "Vor einer gerechten Verteilung muss es Wertschöpfung und die dafür nötigen Bedingungen geben", gab Stadler zudem zu bedenken. Beifall zollte der Finanzmarktexperte den päpstlichen Aussagen über die schädlichen Auswirkungen von Finanzspekulationen. Die entsprechenden Regulative müssten vor allem auf globaler Ebene noch geschaffen werden. Von daher habe der Papst die Grundlagendiskussion sicherlich befeuert, so Stadler.

 

Der christliche Gewerkschafter Andreas Gjecaj zeigte sich von der Wucht von "Evangelii Gaudium" beeindruckt. Gerade globale Missstände würden von Franziskus gnadenlos aufgezeigt. Macht brauche Zähmung, und diejenigen, die unter Ungerechtigkeit litten, eine starke Stimme der Hoffnung. Für die westeuropäischen Gesellschaften würden manche Punkte des Schreibens zwar nicht zutreffen, in vielen Regionen der Welt würden die Worte in ihrer ganzen Radikalität allerdings sehr wohl der Realität entsprechen, so Gjecaj. Essenziell sei, dass sich der Papst "gegen den absoluten Markt" stelle. Dies mache eine wichtige Rolle von Religion deutlich, weil sie den Menschen von derartigen Absolutsetzungen bewahre.