Der Sonntag nach Weihnachten ist immer das "Fest der Heiligen Familie". Drei Dinge am heutigen Evangelium bewegen mich besonders: Die Flucht, die Heimkehr und die Rolle des Vaters.
Da ist zuerst die Flucht: Die Heilige Familie, Josef, Maria und das neugeborene Kind, teilen das Schicksal zahlloser Familien, die auf der Flucht sind. Wie viel Not, wie viel Angst, wie viel Leid – weltweit. Ich denke vor allem an Syrien, jetzt, da der Winter die Situation der Millionen von Flüchtlingen besonders bitter macht. Ich denke an meinen ersten Lebenswinter 1945/46, als meine Mutter mit meinem zweijährigen Bruder und mir als Flüchtlinge bei einer Bauernfamilie untergebracht waren, ein Flüchtlingsschicksal unter drei Millionen Heimatvertriebenen.
Die Heilige Familie floh Richtung Süden, nach Ägypten. Heute noch wissen die koptischen Christen von der Überlieferung zu berichten, wo Maria und Josef während dieser zwei bis drei Jahre überall gewohnt haben. Liebevoll wird die Erinnerung an den Aufenthalt dieser einzigartigen Familie gepflegt. Und gleichzeitig wissen die Christen in Ägypten, dass Verfolgung und Flucht zu ihrem Leben gehören. Viele Kopten haben inzwischen bei uns in Österreich eine neue Heimat gefunden. Mit ihren Familien, mit ihrem lebendigen, leidgeprüften Glauben sind sie für unser Land eine echte Bereicherung.
Das Zweite am heutigen Evangelium, das mich beeindruckt, ist die Heimkehr: Was heute vielen Flüchtlingen verwehrt bleibt, hat Gott der Heiligen Familie geschenkt: Sie durften wieder in ihre Heimat zurückkehren. Meist müssen Flüchtlinge im Land ihrer Aufnahme ein neues Leben beginnen und den Schmerz des Verlustes der Heimat überwinden. Die Generation meiner Großeltern und Eltern war tief geprägt vom Heimweh nach dem endgültig verlorenen Zuhause. Aber sie haben doch auch mutig in der neuen Heimat ein neues Leben aufgebaut. Josef und Maria konnten, als die schlimmste Zeit vorbei war, in ihre Heimat, nach Nazareth zurückkehren. Wie sehr wünschen wir das den Flüchtlingen heute, dass sich die Hoffnung auf eine Heimkehr einmal verwirklichen lässt.
Das Dritte, das mich am heutigen Evangelium bewegt, ist die Rolle des Vaters, des Heiligen Josef: Er ist der Beschützer, der Wächter, der Hirte dieser kleinen Familie. Maria und das Kind sind geborgen unter seinem Schutz. Es ist ein erschütterndes und zugleich tröstliches Bild, von vielen Künstlern nachempfunden, wie diese drei Menschen sich noch in der Nacht auf die Flucht begeben. Josef ergreift die Initiative, nimmt die Mutter und das Kind, und die wenigen Habseligkeiten, und bricht sofort auf, um das Kind vor dem mörderischen Zugriff zu retten.
Dieses Bild hat sich tief ins Bewusstsein der Christen eingeprägt: Bei Josef ist die Familie geborgen! Ist nicht die ganze große Familie der Christen unter seinem Schutz? Der heilige Josef gilt ja als Patron der Kirche, als ihr besonderer Beschützer. Für mich ist Josef darüber hinaus das große Vorbild der Väter. Er ist ganz offen für Gottes Wegweisung. Er ist das Haupt seiner Familie, nicht als Tyrann und Beherrscher, sondern als liebevoll Sorgender. Es ist heute nicht leicht, Vater zu sein. Es war auch damals alles eher als einfach. Wir dürfen den heiligen Josef umso mehr um seine Hilfe bitten.