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22.10.2026

40 Jahre Geist von Assisi: Gemeinsam für Frieden beten, einander begegnen, Hoffnung stiften

Botschaft des Erzbischofs von Wien

Vor vierzig Jahren, am 27. Oktober 1986, setzte Papst Johannes Paul II. ein Zeichen von weltweiter Bedeutung: Erstmals lud er Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Weltreligionen nach Assisi ein, um in einer Zeit großer internationaler Spannungen gemeinsam für den Frieden zu fasten und zu beten. Die Gemeinschaft Sant’Egidio hat seitdem in jährlichem Turnus an verschiedenen Orten der Welt die in Assisi begonnene Tradition fortgesetzt und den Kreis der Mitwirkenden beständig ausgeweitet. Neben Vertreterinnen und Vertretern der großen Religionen gehören inzwischen auch Repräsentantinnen und Repräsentanten aus Kultur, Zivilgesellschaft und Politik aus zahlreichen Ländern zu den Teilnehmenden der internationalen Friedenstreffen, in denen über drängende aktuelle Herausforderungen im „Geist von Assisi“ miteinander diskutiert und um Frieden gebetet wird.

 

Heuer findet das internationale Friedenstreffen vom 25. bis 27. Oktober erneut in Assisi statt. Es steht unter dem Motto „Entwaffneter und entwaffnender Frieden“ (Unarmed and Disarming Peace). In den kommenden Tagen werden fast 400 Vertreterinnen und Vertreter aus Religionen, Kulturen, Zivilgesellschaft und Politik aus über 50 Ländern zusammenkommen, darunter mehr als 150 Referentinnen und Referenten in 24 thematischen Foren. Insgesamt werden voraussichtlich rund 5.000 Menschen an dem Treffen teilnehmen. Auch Papst Leo XIV. und der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., werden zum Abschluss des Treffens in Assisi erwartet.

Die internationalen Friedenstreffen haben gezeigt, dass religiöse Überzeugungen nicht trennen müssen, sondern zu Brüdern und Schwestern machen können. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen nicht zusammen, um Unterschiede zu verwischen oder religiöse Identitäten aufzugeben. Sie kamen zusammen, um Zeugnis abzulegen für die Überzeugung, dass echter Glaube den Menschen zum Frieden, zur Versöhnung und zum Respekt vor der Würde jedes Menschen führt.

 

Die Wahl Assisis als Ort des ersten Treffens war kein Zufall: Der heilige Franziskus, dessen 800. Todestag wir vor wenigen Tagen begangen haben, ist bis heute für Menschen unterschiedlichster Herkunft ein Vorbild für Friedfertigkeit, Geschwisterlichkeit und die Sorge um die Schöpfung. Sein Treffen mit dem ayyubidischen Sultan al-Malik al-Kamil in Ägypten im Jahr 1219, das von hohem gegenseitigem Respekt geprägt war, gilt bis heute als eine der wichtigsten interreligiösen Begegnungen der Geschichte.

Vier Jahrzehnte nach dem ersten Friedenstreffen hat die Botschaft von Assisi nichts von ihrer Aktualität verloren. Kriege, Terrorismus, gesellschaftliche Polarisierung und neue Formen von Hass und Ausgrenzung bedrohen den Zusammenhalt unserer Gesellschaften. Zugleich wächst die Sehnsucht nach Verständigung, nach respektvollem Miteinander und nach Wegen zu einem gerechten und dauerhaften Frieden.

 

Der Geist von Assisi erinnert uns daran, dass Frieden nicht allein durch politische Entscheidungen oder wirtschaftliche Maßnahmen entstehen kann. Frieden beginnt im Herzen der Menschen. Er wächst dort, wo Menschen beten, einander zuhören, Vorurteile überwinden und gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen.

Als Erzbischof von Wien möchte ich daher das vierzigjährige Jubiläum des Treffens von Assisi zum Anlass nehmen, diesen Geist neu lebendig werden zu lassen. Ich lade die Gläubigen unserer Erzdiözese sowie alle Menschen guten Willens ein, sich in den kommenden Wochen und Monaten an Initiativen zu beteiligen, die dem Frieden, dem Dialog und der Begegnung dienen.

 

Dazu können gehören:

  • das persönliche und gemeinschaftliche Gebet für den Frieden;
  • ökumenische und interreligiöse Gebetsfeiern für den Frieden;
  • Vorträge, Podiumsgespräche und wissenschaftliche Veranstaltungen zur Bedeutung des Assisi-Prozesses;
  • Begegnungen und Foren für junge Menschen zu den Themen Dialog, Friedensarbeit und Gewaltfreiheit;
  • gemeinsame soziale und humanitäre Projekte von unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und zivilgesellschaftlichen Initiativen.

Gerade in einer Zeit weltweiter Unsicherheit können solche Begegnungen Hoffnung schenken und Brücken bauen. Der Geist von Assisi lädt uns ein, die anderen nicht als Gegner, sondern als Mitmenschen zu sehen; nicht das Trennende in den Mittelpunkt zu stellen, sondern gemeinsam nach Wegen des Friedens zu suchen.

 

Das lebendige Vermächtnis von Assisi kann auch heute Menschen inspirieren. Bitten wir Gott um Frieden für unsere Welt, für Europa, für unser Land und für alle Regionen, die von Krieg, Gewalt und Ungerechtigkeit geprägt sind. Werden wir selbst zu Werkzeugen dieses Friedens, damit Versöhnung, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit wachsen können.

Denn der Friede beginnt dort, wo Menschen einander mit Respekt begegnen und gemeinsam den Mut haben, Hoffnung zu stiften.